Denkmäler der Tonkunst in Österreich
Gesellschaft zur Herausgabe von Denkmälern der Tonkunst in Österreich

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Johannes Brahms und die DTÖ

Johannes Brahms war seit der Gründung der Denkmäler mit diesen verbunden. Das beruhte einerseits auf Adlers Konzept, immer auch einen Komponisten in der Leitenden Kommission zu haben (nach Brahms waren es Mahler und Strauss), andererseits aber sicherlich auch auf der anerkannten Rangstellung von Brahms als Experte für die Musik älterer Zeiten. Eine Rolle mag auch die Freundschaft zwischen dem ersten Präsidenten der Denkmäler-Gesellschaft, Eduard Hanslick, und Brahms gespielt haben.

Als es nach mehrjährigen Bemühungen Guido Adlers 1893 zu konkreten Schritten für die Gründung der Gesellschaft zur Herausgabe der Denkmäler der Tonkunst in Österreich kommen sollte, gehörte Johannes Brahms zu den von Adler im Zuge der Bildung einer Vorkommission für die Ernennung zum „Förderer“ ins Auge gefaßten Kandidaten. In der Tagesordnung der Sitzung dieser Vorkommission scheint er zwar dann nicht auf, wohl aber unter den bei der konstituierenden Sitzung der Leitenden Kommission am 3. Oktober 1893 anwesenden Personen. Offensichtlich war er in der Zwischenzeit von Adler für dieses Gremium nominiert worden, dem er dann bis zu seinem Tod angehörte. In den Sitzungsprotokollen scheint er mehrfach als anwesend auf (gelegentlich wird auch seine Absenz vermerkt). Brahms, der schon 1892 die Kaiserwerke subskribiert hatte, gehörte der Denkmäler-Gesellschaft auch als beitragendes Mitglied und somit als Abonnent von deren Publikationen an.

1894 erschien der erste Band der Denkmäler mit einem von der gesamten Leitenden Kommission, somit auch von Brahms, unterzeichneten eröffnenden Generalvorwort. Den Text hatte Adler zuvor auf eigens hergestellten Abzügen auf Büttenpapier an jedes einzelne Kommissionsmitglied zur Unterzeichnung als Zeichen des Einverständnisses ausgeschickt. Die Unterschrift von Brahms auf dem von ihm zugesendeten Exemplar ist der einzige erhaltene unmittelbare Zeuge für die Tätigkeit von Brahms für die Denkmäler.

Auf einen eigenartigen Umstand ist noch hinzuweisen. Gerade in die Zeit des Wirkens von Brahms in der Denkmäler-Kommission fiel die Vakanz der Wiener Universitätsprofessur nach dem Übertritt Hanslicks in den Ruhestand. Im jahrelangen Ringen um die Wiederbesetzung (1894–1898), das schließlich mit Adlers Ernennung endete, versuchte offensichtlich auch Brahms Einfluß zu nehmen, allerdings nicht auf Seiten seines Freundes Hanslick und Adlers, sondern indem er sich für Eusebius Mandyczewski einsetzte. Ein Brief, den er in diesem Sinn an den akademischen Senat gerichtet haben soll, ist allerdings nicht nachzuweisen und hat wohl auch nicht existiert. Ob Brahms mehr unternahm als seinen Freund Mandyczewski brieflich zur Bewerbung zu drängen (die Korrespondenz der beiden und Erinnerungen Richard Heubergers, an denen allerdings einiges angezweifelt werden kann, sind die Quellen für den Vorgang), läßt sich daher nicht sagen. Daß Adler davon nichts erfahren haben sollte, ist äußerst unwahrscheinlich.

Damit fällt vielleicht auch ein ungewisses Licht auf einen anderen Umstand. Guido Adler hat Brahms im vorletzten unter seiner Leitung erschienenen Band der Studien zur Musikwissenschaft (20, 1933), der außer diesem Beitrag anläßlich des hundersten Geburtstages des Komponisten nur einen weiteren von Adler zum vierzigjährigen Jubiläum der Denkmäler enthält, ein Denkmal gesetzt, sicherlich ein Akt der Pietät, aber wohl auch des Stolzes darauf, daß Brahms den Denkmälern angehört hatte. Adler beweist sich darin als profunder Kenner der Werke von Brahms, die er im Sinn seiner stilkritischen Methode bespricht. Während er aber in seinem Nachruf auf Gustav Mahler immer wieder auf seine persönlichen Kontakte mit diesem zu sprechen kommt und Nachrichten aus seinen Erinnerungen bringt, folgt er hier, wie aus einer Stelle ex negativo (er zitiere „ausnahmsweise … einen Ausspruch Brahms’ aus seinem Verkehr mit mir“) hervorgeht, ausdrücklich dem Prinzip, bei der strengen Wissenschaftlichkeit zu bleiben und Persönliches auszuschalten. Im Hintergrund mag aber wohl auch stehen, daß Adler vielleicht gar nicht allzu viele persönliche Kontakte mit Brahms hatte, und daß die Erinnerung an den Kampf um die Wiener Lehrkanzel für ihn eine gewisse Wunde bedeutete.

Erich Schenk erzählte mir vor Jahrzehnten, daß Adler Manuskripte von Denkmäler-Bänden Brahms zur Begutachtung vorgelegt habe. Schenk konnte das freilich selbst auch nur aus Erzählungen erfahren haben. Immerhin hat er aber noch Zeitzeugen aus den früheren Zeiten der Denkmäler gekannt, und es ist zu vermuten, daß die Erzählung aus diesem Umkreis stammt. Sie erfährt eine gewisse Bestätigung durch einen Brief von Brahms an Adler vom 1. März 1894, dessen Hintergrund allerdings (derzeit) nicht zur Gänze erschließbar ist. Brahms, der mit dem Schreiben auf einen nicht feststellbaren „Fragebogen“ Adlers reagiert, teilt mit, daß ihm der Kopist Kupfer die von diesem auf der Hofbibliothek kopierten „Muffat’schen Sachen“ gezeigt habe. Dabei geht es wohl um die 1904 als Band 23 (11/2) veröffentlichte Auserlesene mit Ernst und Lust gemengte Instrumental-Music (1701) von Georg Muffat, von der eine allerdings fragmentarische Quelle in Wien liegt (um die gerade 1894 edierten Componimenti von Gottlieb Muffat kann es sich kaum handeln, weil Brahms davon spricht, daß die Arbeit „schwierig u. mühsam“ sei, was bei Klaviermusik, noch dazu angesichts der tadellosen Quelle für das Werk, nicht anzunehmen ist). Von einem Schreiber namens Kupfer befinden sich im Archiv der Denkmäler zwar keine Niederschriften von Werken der beiden Muffat (diese sind vermutlich, wie oft zu beobachten, als Vorlage für den Stecher benutzt und nach der Drucklegung weggeworfen worden), hingegen zahlreiche Sparten von Heinrich Schmelzer von Jänner/März 1897 – also gerade der fraglichen Zeit – und eine von Bibers Harmonia Artificiosa-Ariosa vom September 1897 (nach Martin Eybl, Spartenkatalog der „Denkmäler der Tonkunst in Österreich“, elektronische Fassung). In dem Brief von Brahms folgt noch ein energisches Einschreiten für eine angemessene Bezahlung des Kopisten (mehr als die gebotenen 2 fl. pro Tag), deutlich das Hauptanliegen des Briefes. Schließlich bezieht sich Brahms noch auf ein Gespräch mit Adler, das offensichtlich Editionsfragen betraf. Er spricht sich dafür aus, nicht „ohne ganz besondere Ursache (– ich wüßte keine –) von den gewohnten 4 Schlüßeln abzugehen“. Für eine Volksausgabe seien „dem Volk zu Gefallen … G- statt C-Schlüssel, 4/4 statt 4/2, Vortragszeichen u. selbstverständlich eine neu eingerichtete Partitur“ einzurichten. Diese Bemerkungen beziehen sich wohl kaum auf die Muffat-Ausgabe, betreffen vielmehr Editionsprinzipien im allgemeinen. Jedenfalls läßt sich festhalten, daß Adler Brahms als Experten für Alte Musik konsultierte.

Lit.: Othmar Wessely, Johannes Brahms und die Denkmäler der Tonkunst in Österreich, in: Brahms-Kongress Wien 1983 … Kongreßbericht. Hsg. Susanne Antonicek und Otto Biba. Tutzing 1988, S. 481-488.

letzte Änderung: 31.01.2009     •     Text: Theophil Antonicek     •     Webeinrichtung: Konrad Antonicek