Denkmäler der Tonkunst in Österreich
Gesellschaft zur Herausgabe von Denkmälern der Tonkunst in Österreich

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Guido Adler

Guido Adler

Guido Adler wurde am 1. November 1855 in Eibenschitz/Ivancice (Mähren) als Sohn des Arztes Joachim Adler geboren. Ein Jahr nach der Geburt starb der Vater, und die Mutter zog daraufhin mit ihren sechs Kindern nach Iglau und 1864 nach Wien. Hier besuchte Adler das Akademische Gymnasium, daneben seit 1868 das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde, wo unter anderem Anton Bruckner und Otto Dessoff seine Lehrer waren. Auf Wunsch der Mutter studierte er Jus, arbeitete auch nach der Promotion beim Wiener Handelsgericht, brach diese Tätigkeit aber ab, um sich der Musik zu widmen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er durch Stundengeben. Er betrieb vor allem musikhistorische Studien. Nach nur drei inskribierten Semestern promovierte er 1880 bei Eduard Hanslick und habilitierte sich 1882. 1885 wurde er als Extraordinarius nach Prag berufen. Im selben Jahr begründete er mit Friedrich Chrysander und Philipp Spitta die Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft, deren Eröffnungsartikel Adlers berühmter Aufsatz Umfang, Methode und Ziel der Musikwissenschaft war. 1898 wurde er Nachfolger Eduard Hanslicks an der Universität Wien und begründete hier das heutige Institut für Musikwissenschaft. 1908 organisierte er den großen Haydn-Kongreß, 1927 den Beethoven-Kongreß, bei dem unter anderem Pietro Mascagni, Edouard Herriot und Romain Rolland anwesend waren. 1927 emeritierte Adler. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten resignierte er mit einem Schreiben an Kardinal Innitzer als Präsidenten der "Denkmäler" auf deren Leitung. Sein weltweites Ansehen und Interventionen verhinderten einen Zugriff der Machthaber auf seine Person, doch mußte er seine letzte Lebenszeit konfiniert in seiner Villa in der Lannerstraße zubringen. Sein Tod am 15. Februar 1941 blieb unter den damaligen Verhältnissen völlig unbeachtet. Er wurde im Wiener Krematorium bestattet, die Urne von dort 1980 in ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof überführt.

Zum Unterschied von seinem Vorgänger Eduard Hanslick, dessen Lehrkanzel auf Geschichte und Ästhetik der Musik lautete, bezeichnete Adler sein Fach dezidiert als Musikwissenschaft im Sinne einer streng nach historischen und philologischen Kriterien arbeitenden Disziplin. Seine Methode, für die er aus Nachbarfächern wie Kunstgeschichte, Rechtswissenschaft oder philologischen Wissenschaften stärkere Anregungen erhielt als aus dem eigenen Fach, war die Stilkritik. Diese ging davon aus, daß jede Zeit, jede geographische oder gesellschaftliche Einheit, letztlich jeder Komponist seinen eigenen Stil habe. Die Geschichte der Musik besteht in einer Aufeinanderfolge von Stilperioden. Adler hat sein Konzept vor allem in den beiden Büchern Der Stil in der Musik (1911, 1929) und Methode der Musikgeschichte (1919) niedergelegt und in dem von ihm herausgegebenen Handbuch der Musikgeschichte (1924, 1930) zur Anwendung gebracht. Seinem Grundsatz, daß Musik zuerst von ihren (biographischen und musikalischen) Quellen her gründlich aufgearbeitet werden müsse, um dann zum Gegenstand stilistischer Untersuchungen zu werden ("Die Quellen zum Werk - Das Werk als Quelle") diente die Arbeit an den Denkmälern, in deren Dienst er auch viele Dissertationsarbeiten seiner Studenten stellte, die oft Niederschlag in Denkmäler-Bänden fanden (das wohl bekannteste Beispiel ist die als Dissertation approbierte Ausgabe des Choralis Constantinus von Heinrich Isaac von Anton Webern). Den Denkmälern war in erster Linie wohl auch die Arbeit der Jahre nach der Emeritierung gewidmet, und man kann ermessen, was ihm der erzwungene Abschied von ihnen bedeutet hat.

letzte Änderung: 13.06.2005     •     Text: Theophil Antonicek     •     Webeinrichtung: Konrad Antonicek